Ein Bild sagt mehr als tausend Worte – und manchmal führt es mitten ins Gebet. In den Bildandachten verbinden sich starke Bilder mit kurzen geistlichen Impulsen zur Inspiration und zum Innehalten.
Die Bildandachten hat Pastor Dr. Michael Bartels verfasst.
„Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Schatz, der in einem Acker vergraben war. Ein Mann entdeckte ihn, grub ihn aber wieder ein. Und in seiner Freude verkaufte er alles, was er besaß, und kaufte den Acker.“ (Matth. 13, 44)
Gleichnisse sind eine große Stärke der Bibel. Sie sind bildhafte Vergleiche, in denen komplexe Themen in einen anderen (oft alltäglichen) Kontext übertragen werden. Manche Gleichnisse sind jedoch nicht ganz leicht zu verstehen. Manchmal sind es Rätsel, und manchmal können bildliche Vergleiche auch etwas „schräg“ sein. Eine Mischung aus Rätsel und Schrägheit ist vor allem das kurze Gleichnis vom Schatz im Acker, dass nur drei Sätze umfasst und das wir in der bildlichen Darstellung von Rembrandt sehen.
Das Rätselhafte dieses Gleichnisses beginnt bereits, wenn wir das Himmelreich, das bildhaft dargestellt werden soll, mit dem Schatz gleichsetzen. Denn nur aus dieser Gleichsetzung heraus wissen wir ja immer noch nicht mehr darüber, was das Himmelreich ist und wie es sein soll – außer, dass es wertvoll wie ein Schatz ist, ohne aber ein materielles Gut zu sein. Auf diesem Weg kommen wir also nicht so leicht weiter in der Deutung des Wortbildes.
Die andere Möglichkeit des Verständnisses ist, dass wir die Gleichheitszeichen gedanklich nicht zum Schatz setzen, also zum „Was?“, sondern zur Handlungsweise des Mannes, also zum „Wie?“ So ähnlich soll das mit dem Himmelreich sein. Punkt. Fragezeichen. So soll es sein? Tatsächlich? Das wäre schon schräg. Da kommt einer, findet einen wertvollen Schatz auf fremdem Land, geht nicht davon aus, dass dieser jemand anders gehört, zeigt sicherheitshalber auch nicht seinen Fund an, damit der wahre Besitzer sich zu erkennen geben kann, sondern wird ganz schlau, um nicht zu sagen listig: Es entsteht der Gedanke, alles eigene Hab und Gut flüssig zu machen, keinem etwas zu sagen, den Acker zu kaufen und damit einen guten Schnitt zu machen. Das ist vielleicht nicht verboten, aber vielleicht auch nicht ganz sauber – würden wir sagen. Die Erkenntnis daraus wäre: Es wird uns nicht geschenkt, nicht einmal das Himmelreich, es muss hart – mit allen Mitteln?! – errungen werden.
Und Rembrandt, das ist das Faszinierende an diesem Bild, malt einen Moment, in dem das Zwiespältige ganz besonders deutlich wird. Nicht den Moment unmittelbar, in dem der Mann den Schatz findet und in Jubel ausbricht, sondern den Moment, wo es in ihm bereits arbeitet: Wie kriege ich das unbemerkt hin, an diesen Schatz zu kommen, so dass mir keiner zuvorkommt? Er wendet seine Augen von dem Schatz ab und schaut verschlagen über die Schulter. Und man kann seine Gedanken in diesem Moment förmlich lesen: Hat mich einer dabei gesehen, wie ich den Schatz gefunden habe?
Was sollen, was können wir heute mit diesen beiden Deutungsebenen machen? Auf jeden Fall nicht die Handlungsweise des Mannes zum Vorbild nehmen. Dieser Vergleich wäre missglückt. Wenn man aber das Positive in seinem Handeln herausstellen und festhalten will, dann würde das m. E. darin bestehen, dass er in dem Moment die Bedeutung seines Fundes erkannt hat und daraus eine Konsequenz erwächst, die voll fokussiert ist auf das, was in diesem Moment wichtig geworden ist. Er setzt im Prinzip alles auf eine Karte. Er stellt sein bisheriges Leben in Frage, um an diesen Schatz heranzukommen.
So weit ist das nachvollziehbar oder sogar ein wichtiger Hinweis auf die Wichtigkeit dessen, was mit dem Reich Gottes gemeint ist: Alles stehen und liegen lassen (so wie die Jünger bei der Berufung) und sich dem, was als Wichtigstes erkannt wurde, voll und ganz zu widmen. In unserem Leben steht die Frage der Prioritätensetzung auch an, aber meist in abgeschwächter Form. Die wenigsten werden alles stehen und liegen lassen können oder wollen – Familie, eigne Geschichte, Hab und Gut – um eine radikale Wende des Lebens herbeizuführen.
Und dann fragt sich natürlich weiterhin, wofür solch eine radikale Wende sinnvoll wäre? Häufig wird der Schatz mit dem Evangelium, der guten Botschaft, gleichgesetzt. In ihr liegt das Geheimnis des Himmelreiches verborgen. Und für das Evangelium lohnt es, die Prioritäten des Lebens anders bzw. neu zu setzen. Eine andere Deutung besteht darin, dass es sich um einen inwendigen, verborgenen Schatz handelt, der sich im Menschen, im Selbst befindet.
Und so geht das Gleichnis dann auch für uns sinnvoll auf. Weil es sich lohnt, für den verborgenen Schatz im Ich alles andere einzusetzen oder die Prioritäten der eigenen Entwicklung damit zu verbinden: Welche Potenziale stecken in mir, die zur eigenen Sinnerfüllung (Himmelreich) beitragen, die damit in Übereinstimmung stehen, dass ich als ein Geschöpf Gottes das Gute der Schöpfung befördere, dass ich meine Möglichkeiten ausschöpfe, ohne damit letztlich etwas verdienen zu können als Glück und Erfüllung? Solche Fragen eröffnen uns neue Perspektiven – gerade am Beginn eines neuen Jahres.
Ich wünsche Ihnen Gottes Segen für das Jahr 2026!
Dr. Michael Bartels
Vorsteher

Heinrich Vogeler, einer der prägenden Künstler der Worpsweder Künstlerkolonie, malte 1902 dieses recht ungewöhnliche Bild, auf dem die weihnachtliche Verkündigung des Engels an die Hirten dargestellt ist (Vgl. Lukasevangelium, Kap. 2). Von einem erhöhten Standort aus blicken wir als Betrachter*innen, direkt hinter dem Engel stehend, in die weite Landschaft des Worpsweder „Teufelsmoores“. Im Vordergrund sehen wir direkt in die erleuchteten Gesichter der Dorfbewohner*innen, die sich zur Winterszeit um ihr Vieh kümmern.
Die Szenerie ist wie eine Bühne: im vorderen Bereich des „Zuschauerraums“ sind die Menschen, denen die Verkündigung gilt; die Figur des Engels ist die „Hauptdarstellerin“, und wir als Betrachter*innen nehmen im hinteren Teil der Bühne scheinbar nur „Nebenrollen“ ein. Die Menschen des Dorfes sehen interessiert, vielleicht sogar gebannt auf die ungewöhnliche Gestalt, die ihnen etwas zu verkünden hat. Nur die Figur vorne rechts (im rötlichen Mantel) blickt direkt zu uns herüber.
Ungewöhnlich ist vor allem die Gestalt des Engels. Im Gegensatz zu den zweckmäßig gekleideten Menschen des Dorfes trägt der Engel ein vornehmes Kleid. In dieser Garderobe würde der Engel eher in einen Ballsaal passen als auf einen Schneehügel in kalter Winternacht. Die großen Flügel des Engels sind lichtdurchleuchtet. Sie reichen fast bis zum Boden herab und bilden die Form eines Zeltes oder einer Glocke, unter der die Zuhörer*innen fast alle versammelt sind.
Aus unserer Position heraus können wir nicht in das Gesicht des Engels sehen: keine Regung, kein Mienenspiel ist für uns zu erkennen. Der Engel ist eine „Rückenfigur“, mit der wir anscheinend nicht in direkter Kommunikation stehen. Was wir aber deutlich erkennen, ist, dass die Arme des Engels schräg erhoben sind: Der rechte Arm geht weiter in die Höhe als der linke Arm. Ist das Zufall? Oder unerheblich? Die Linie der Flügel und der Arme macht einen kleinen Bogen. In der Geometrie bezeichnet man diese Form als konkav. Genau über dieser Linie ist der Stern zu erkennen, dessen Licht ebenfalls in einer gebogenen Linie am Himmel zu sehen ist. Die Linie des Sternenlichts ist das konvexe Pendant zum Körper des Engels. Beide Linien zusammen ergeben so etwas wie eine Ellipse.
Diesen besonderen Bildeffekt können nur wir als Betrachter*innen aus dem Background erkennen, nicht die Menschen, die direkt vor der Bühne stehen. Sie haben den Stern genau in ihrem Rücken. Erst recht trifft dies auf die Haltung der Hände des Engels zu. Die rechte Hand ist ungefähr auf Höhe des Sterns am Himmel. Die linke Hand fällt ab und weist schließlich herab auf die Erde und die dort versammelten Menschen. Genau in dieser Bildsprache stellt Vogeler die weihnachtliche Botschaft dar. Obwohl wir den Engel nicht von vorn sehen und sprechen hören, können wir aus der Darstellung der Hände lesen: Es kommt eine Botschaft von Gott aus dem Himmel, die uns auf Erden erreicht. Mit den Worten der Bibel: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens!“
Die Menschen in Worpswede haben die Botschaft aus dem Mund des Engels gehört. Wir sehen und lesen sie aus dem Bild Heinrich Vogelers.
Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien ein gesegnetes Weihnachtsfest 2025!
Dr. Michael Bartels
Vorsteher
Greifswald, 19.12.2025
Leonardos Gemälde „Die Verkündigung“ ist eines der berühmtesten Gemälde der Uffizien in Florenz. Täglich besichtigen tausende Besucher*innen das Museum und verweilen vor dem großflächigen Bild. Es sind brillante Farben, die das ca. 550 Jahre alte Werk bis heute erstrahlen lassen – eine Augenweide für alle, die es betrachten.
Das Bild stellt eine biblische Erzählung aus dem 1. Kapitel des Lukasevangeliums dar, die wir im Laufe des Kirchenjahres direkt mit der Adventszeit in Verbindung bringen: Der Erzengel Gabriel erscheint der Jungfrau Maria und kündigt ihr an, dass sie den Sohn Gottes gebären wird.
Leonardo stellt diese Szene in einem Garten dar. Es scheint ein nobles Anwesen zu sein, in dem sich Maria gerade aufhält. Beim Betrachten dieses Bildes kann man sich kaum vorstellen, dass dieselbe Maria einige Monate später am Ende der Schwangerschaft mit ihrem Verlobten Josef auf einem Esel unterwegs ist und das Kind – Gottes Sohn – schließlich in einem Stall zur Welt bringen wird. Was für ein Kontrast.
Die künstlerische Meisterschaft Leonardos zeigt sich darin, dass beide Personen – Maria und der Erzengel Gabriel – offensichtlich schweigen. Es ist aber trotz des Schweigens kein „stummes“ Bild. Im Gegenteil. Es findet ein lebhafter Dialog der Personen statt, den wir an den Stimmungen der Gesichter (manche meinen in dem Gesicht des Erzengels das Bildnis der Mona Lisa entdecken zu können) und an den Körperhaltungen, insbesondere der Haltung der Hände, ablesen können.
Marias Gesicht zeigt Staunen. Sie hat eine Hand wie zur Abwehr erhoben. Sie ringt darum, die Worte, die gerade zu ihr gesagt wurden, in ihrer ganzen Bedeutung zu verstehen. Die Finger ihrer rechten Hand liegen in einem aufgeschlagenen Buch. Ein Hinweis darauf, dass sich das Verständnis der Szene aus den Prophezeiungen der Bibel ergibt, wie beispielsweise aus dem Buch des Propheten Jesaja im 9. Kapitel: „Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst.“ Diese Weissagung wird nun zur Realität. Maria begreift die Botschaft in diesem Moment und ist zugleich zutiefst gerührt.
Der Engel schaut Maria mit ernsthaftem Blick aus knieender Haltung an. Die Finger seiner rechten Hand sind markant nach vorn auf Maria gerichtet: Ihr gilt seine Botschaft. Er zeigt auf sie und segnet sie zugleich. Seine linke Hand scheint locker in seinem Gewand zu liegen. Bei genauer Betrachtung aber ist zu erkennen, dass er in dieser Hand eine langstielige weiße Lilie – genannt „Madonnen-Lilie“ – hält. Die Madonnen-Lilie wird in der christlichen Tradition als Symbol der Reinheit verstanden.
Maria und der Erzengel verstehen sich mit Blicken und Gesten. Sie sind unter sich und doch in ihrer jeweils ganz eigenen Rolle. Der Künstler hat sie etwas distanziert voneinander angeordnet. Genau zwischen beiden Personen geht unser Blick in die weite Landschaft. Im Hintergrund ist eine Stadt zu erkennen. Das, was in der Vertrautheit der beiden Personen seinen Anfang nimmt, wird später Auswirkungen für alle Menschen in nah und fern haben. Die segnende Hand gilt in diesem Augenblick erst einmal der gegenübersitzenden Maria. Aber die Wirkung dieses Segens und des nachfolgenden Geschehens wird den gesamten Erdkreis betreffen.
Leonardos Gemälde kann uns wunderbar in die Adventszeit einstimmen. Etwas Neues, etwas Wichtiges kündigt sich an. Wir sind auf der Suche danach, das, was da kommt, zu verstehen und uns zugleich davon berühren zu lassen. Nicht nur Maria hat Grund zu einer freudigen Spannung. Auch wir haben Anteil daran, und der Segensgruß des Erzengels gilt uns, die wir das bildlich dargestellte Geschehen unmittelbar vor Augen haben, gleichermaßen.
Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Adventszeit im Jahr 2025!
Und alsbald drängte Jesus die Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm ans andere Ufer zu fahren, bis er das Volk gehen ließe. Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er auf einen Berg, um für sich zu sein und zu beten. Und am Abend war er dort allein. Das Boot aber war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen. Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem Meer. Und da ihn die Jünger sahen auf dem Meer gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht. Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht! Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser.
Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, rette mich! Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Und sie stiegen in das Boot und der Wind legte sich. Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!
„Schauplatz“ der Geschichte, die im Matthäusevangelium berichtet wird, ist der See Genezareth. Die bildliche Darstellung des aus Wolgast stammenden Malers Philipp Otto Runge folgt sehr anschaulich der biblischen Geschichte aus dem Matthäusevangelium. Die Jünger sind – nach Aufforderung durch Jesus selbst – mit dem Boot unterwegs. Sie sind keine Laien, sie sind Profis als Fischer (jedenfalls einige von ihnen). Eigentlich müssten sie schon alles erlebt haben auf dem Gewässer, nichts versetzt sie mehr in Unruhe. Aber dann kommt ein Sturm, so stark, dass sie es mit der Angst bekommen. Die Wellen schlagen über die Bordwand ihres Schiffes, die Wolken, die Runge darstellt, sehen genauso bedrohlich aus wie das aufgepeitschte Wasser. Da kommt Jesus von hinten rechts in den Vordergrund über das Meer gelaufen. Seine Bahn ist erleuchtet und spiegelglatt. Da, wo er unterwegs ist, ist von Sturm keine Spur.
Und das ist für die Jünger, die sowieso schon aufs Höchste verunsichert sind, eine weitere Irritation. Das kann doch nicht sein, wir sehen ein Gespenst, so ist ihre Reaktion. Als Jesus sie anspricht und damit zeigt, dass er es wirklich ist, ruft das bei Petrus, einem der Jünger, eine ungewöhnliche Reaktion hervor: Er will zu Jesus, er will seinen Glauben beweisen und wartet auf ein Signal von Jesus, zu ihm über das Wasser zu gehen. Das ist einigermaßen verwegen, eine Überreaktion und ein übergroßes Vertrauen in Jesus zugleich. Aber seine Kraft und sein Mut verlassen ihn auf der kurzen Distanz. Er droht unterzugehen. Jesus greift ihm unter die Arme, rettet ihn und bezeichnet ihn gar als „Kleingläubigen“. Die anderen erstarren in Ehrfurcht.
Petrus bedeutet Fels. Das ist der Jünger, zu dem Jesus später sagen wird: „Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen.“ (Matth. 16, 18) Der weltbekannte Dom im Vatikan heißt Petersdom. Das ist der Fels, auf dem die Weltchristenheit (der katholischen Kirche) sich bis heute gegründet sieht. Vielleicht ist es ein eigenartiger Gedanke, dass die Kirche symbolisch auf einem der Jünger aufbaut, der sein Schicksal, seinen wortwörtlichen Untergang selber provoziert hat und gerade noch von Jesus gerettet wurde. Man könnte andererseits aus dieser Geschichte auch die Deutung ableiten, dass es sinnvoller als in ängstlicher Starre zu verharren ist, über die eigene Grenze zu gehen, über Bord, selbst in der Gefahr unterzugehen und als Kleingläubiger bezeichnet zu werden.
Ursprünglich war das Kunstwerk, das sich heute in der Hamburger Kunsthalle befindet, für die Kapelle im Vitt auf Rügen gedacht. Dort ist heute eine Kopie dieses Bildes zu sehen. Vitt ist ein Fischerdorf, und man hat sich bestimmt gedacht, dass diese Geschichte, dieses Bild hier genau seinen richtigen Platz hat. Gerade auch deshalb, weil das Fischen immer wieder mit Gefahren verbunden war und das Meer regelmäßig seine Opfer gefordert hat. Es ist also eine naheliegende Übertragung der biblischen Geschichte in die Gegenwart der Menschen vor Ort. Aber das ist nur der vordergründige Gedanke. Die biblische Geschichte geht weit über das Milieu des Fischereihandwerks hinaus.
Das Motiv des Sturmes bzw. der Sturmstillung befindet sich in mehreren Geschichten der Bibel. In dieser Geschichte wandelt Jesus über das Wasser, in einer anderen ist er mit den Jüngern gemeinsam im Schiff unterwegs und schläft, während sie wegen eines Sturmes in Seenot geraten. Diese Geschichten vom Sturm symbolisieren die Stürme des Lebens, die uns treffen können; die Stürme, die die größten Ängste vor einem „Schiffbruch“ im Leben hervorrufen können. Man glaubt, dass es kein gutes Ende nehmen kann. Die Katastrophe naht oder ist schon da. Und plötzlich legen sich die Wellen oder greift eine Hand unter, um das Herabsinken ins Bodenlose zu verhindern. Dieses Muster des Erlebens und der Erfahrungen wird in der Geschichte dargestellt und wiedererkannt. Damit ist die Hoffnung verbunden, dass im Glauben an Jesus Christus sich auch die stärksten Stürme des Lebens legen und Menschen in existenzieller Not wieder neue Hoffnung gewinnen können. Das rettende Ufer ist in Sicht.
Neben den existentiellen Nöten gibt es auch die alltäglichen Anforderungen, denen wir ausgesetzt sind. Vielleicht ist es nur der stetige Gegenwind, den wir auf unserem Weg verspüren, entweder allein oder in unserem „Schiff“ der Unternehmensgruppe Pommersche Diakonie. Es geht nicht darum, dass wir Helden sein wollen, die als erste über Bord gehen, um etwas zu beweisen. Es reicht schon, wenn wir Kleingläubige sind, manchmal Zweifler, und zugleich Lernende, die sich den christlichen Glauben immer wieder erschließen oder sich zumindest damit auseinandersetzen. Wir bleiben bei der Hoffnung, dass die Stürme sich legen.
Dr. Michael Bartels
Vorsteher
Greifswald, 16.10.2025

Claude Monets Bild „Spaziergang am Rande der Klippe“ entstand 1882 in der Nähe des nordfranzösischen Ortes Pourville am Atlantik. Es ist ein strahlender Sonnentag, am Himmel sind Schönwetterwolken zu sehen. Auf dem dunklen Blau des Meereswassers sind einige Segelboote unterwegs. Im Vordergrund ist die beeindruckende Küste der Normandie dargestellt. Das frische Grün und die farbigen Blüten bedecken die schroffen Felsen.
Es ist ein stimmungsvolles Bild, das die Schönheit des Sommers einfängt: Man meint, den Geruch des Meeres, die Brise in der Luft und die wärmenden Sonnenstrahlen direkt spüren zu können. Wie schön wäre es, selbst in dieser Landschaft unterwegs sein zu können und den Blick von der Klippe aus zu genießen. Oder in einem der Boote zu sitzen, vom Wind bewegt in der Betrachtung des Küstenpanoramas.
Die Zeit des Sommers ist für viele von uns Urlaubs- und Reisezeit. Manche Fahrt geht in ferne Regionen und unbekannte Landschaften. Ausspannen und zugleich Neues entdecken, sich im Freien bewegen oder einfach treiben lassen… All das hilft uns, die Schönheit des Lebens zu spüren und neue Kraft zu tanken für die Zeit des Alltags.
In der Mitte des Bildes sind zwei Personen zu sehen, die anscheinend genau dies tun: Sie sind auf dem wunderschönen Küstenweg unterwegs, sie genießen die Aussicht und erschrecken vielleicht auch ein klein wenig beim Blick von der Klippe in den gewaltigen felsigen Abgrund. Da unten braut sich das Wasser zusammen zu einer Brandung, die weit zu hören ist.
Ein farbiges Accessoire sticht aus Monets Gemälde besonders heraus: Es ist der rot leuchtende Schirm, den die eine der beiden Frau trägt. Diese Frau stößt mit ihrem Haarschopf genau an die Verbindungslinie des Horizontes, der das Meer vom Himmel trennt. Ihr Schirm ist nicht nur ein besonders hervorgehobener „Hingucker“, er erhält zugleich eine doppelte symbolische Bedeutung:
Zum einen ist er das Bild des Schutzes. Wer sich unter einem Schirm befindet, ist geschützt – vor Sonne, Wind und Regen. Oder allgemeiner gesagt: vor Risiken und Gefahren. Die Frau trägt ihren Schutzschirm auf diesem Spaziergang mit sich. Er begleitet sie auf dem Weg über die Klippen des Lebens und vorbei an manchem Abgrund.
Zum anderen durchbricht dieser Schirm diagonal die Sphären von Himmel und Meer. Er stößt in eine neue, andere Region vor, die über den Pfad an der Küste und über die Wellen des Meeres hinausgeht. Er steht für die Entdeckerlust, für das Überwinden des Vordergründigen und das Erschließen neuer Horizonte.
Mögen die Aktivitäten dieses Sommers – ob in der Nähe oder in der Ferne – in diesem doppelten Sinne „beschirmt“ sein: dass Vieles darin seinen Platz hat, was unsere Gedanken und Sinne weitet und uns neue Erfahrungen ermöglicht; und dass dieses Unterwegssein zugleich beschützt ist und uns keine Gefährdung bedroht oder Unheil widerfährt.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine gesegnete und behütete Sommerzeit.
Dr. Michael Bartels
Vorsteher
Greifswald, 18.07.2025
Der Maler Tizian (Tiziano Vecello) war einer der berühmtesten Maler der italienischen Hochrenaissance. Er lebte von 1488-1576 überwiegend in Venedig und war zugleich als Kunstmaler ein internationaler „Star“, dessen Werke von den Mächtigen der Welt geschätzt und gekauft wurden. Tizians bildliche Darstellung der Pfingstgeschichte ist ein monumentales Gemälde (570 x 260) und befindet sich in der Kirche Santa Maria della Salute in Venedig. Millionen von Touristen sind jährlich um diese Kirche herum unterwegs, die zu den markanten Sehenswürdigkeiten der Stadt zählt und ein architektonisches Bindeglied zwischen der Lagune Venedigs und dem Canale Grande darstellt.
Tizian gestaltet die Pfingstgeschichte weitestgehend so, wie sie aus Apostelgeschichte 1+2 überliefert ist. Die Jünger sind in Jerusalem. Sie haben die Himmelfahrt Christi erlebt und sich anschließend in das Obergeschoss eines Hauses zurückgezogen. Dort „hielten alle einmütig fest am Gebet samt den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern.“ (Apg. 1, V. 14) Zehn Tage später, am Pfingsttag, „geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab.“ (Apg. 2, V. 2-4)
Tizian malt die kleinen Flammen über den Köpfen der Beteiligten, dazwischen immer wieder Hände, die nach oben gehen. Es ist ein Moment großer Ergriffenheit bei allen Beteiligten. Die kleinen Flammen symbolisieren die „Zungen, zerteilt und wie von Feuer“, also die unterschiedlichen Sprachen, in denen die Versammelten plötzlich reden. Aber es entsteht keine babylonische Sprachverwirrung. Im Gegenteil: Alle Sprachen verstehen die Botschaft. Der Geist Gottes übersetzt sich in die Sprache aller Menschen. Er trennt nicht. Er verbindet. Er schafft eine gemeinsame Verstehensebene.
Der Geist wird von oben „ausgegossen“, jedoch nicht wie ein Wasser, sondern er fällt herab wie Strahlen einer Sonne, die durch das Oberlicht hindurch scheint. In der Mitte der Lichtquelle ist eine Taube zu erkennen. Von ihr ist in der Pfingstgeschichte nicht die Rede, sie wird von Tizian als ein entscheidendes Element hinzugefügt, um die Geschichte besser verständlich zu machen. Denn die Taube ist in anderen biblischen Texten als wichtiges Symbol überliefert, u. a. in der Erzählung von der Taufe Jesu. Darin heißt es, dass „der Heilige Geist hernieder fuhr auf ihn in leiblicher Gestalt wie eine Taube, und eine Stimme kam aus dem Himmel: Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.“ (Lukas 3, V. 22).
Es ist also alles sehr mystisch und symbolisch aufgeladen – sowohl in der biblischen Überlieferung als auch in der Darstellung des Geschehens bei Tizian im 16. Jahrhundert. Wie sollen wir uns darauf heute einen Reim machen? Seit etlichen Jahren wird zunehmend davon gesprochen, Pfingsten sei der „Geburtstag der Kirche“. Damit soll zum Ausdruck gebracht werden, dass der Geist Gottes nach Jesu Leben, Tod, Auferstehung und Himmelfahrt bei den Menschen angekommen ist und ihr Zusammenleben von nun an prägen wird. Aber die „Ausgießung des Geistes“ ist eine Glaubensgeschichte, die sich nicht datieren lässt und die sich nicht auf das beschränken lässt, was heute im allgemeinen als Kirche verstanden wird.
Wir können es – ganz so wie der Maler uns Gelegenheit dazu gibt – eher mit einer anderen Deutung versuchen, die die überlieferte Symbolik aufnimmt und in unseren Sprachgebrauch überträgt. Die Menschen, bei denen der Geist Gottes ankommt, werden sprachfähig und brennen für das, was sie wahrnehmen. Und die Taube ist in unserer modernen Zeit zugleich zum Zeichen des Friedens geworden. Gottes Geist und der Geist des Friedens sind untrennbar miteinander verbunden. In diesem Sinne bedeutet Pfingsten im Jahr 2025: Für den Frieden innerlich brennen und die Sprache des Friedens in allen Sprachen der Menschen zu sprechen.
Der Friede Gottes sei mit uns allen.
Ihnen allen ein gesegnetes Pfingstfest
Nach kirchlichem Verständnis beginnt die Osterzeit mit dem Ostersonntag und der dazu gehörigen Überlieferung von der Auferstehung Jesu Christi. Sie endet 50 Tage später mit dem Pfingstfest. Eine der markantesten biblischen Geschichten, die sich mit Ostern und dem Auferstandenen verbinden, wird im Lukasevangelium (Kap. 24, 13-35) erzählt: Zwei Jünger sind auf einem Fußweg von Jerusalem zu dem Dorf Emmaus. Sie sprechen aufgeregt über die Ereignisse der zurückliegenden Tage. Jesus ist verurteilt, gekreuzigt, gestorben und ins Grab gelegt worden.
Und nun soll sein Grab leer sein, wie es von einigen Frauen berichtet wird! Da treffen sie auf ihrem Weg einen Mann. Es ist Jesus, aber sie erkennen ihn nicht. Sie diskutieren mit ihm auf dem Weg. Sie versuchen das Erlebte zu verstehen. Darüber vergeht der Tag. „Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, als wollte er weitergehen. Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben. Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach’s und gab’s ihnen. Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen.“ (V. 28-31)
Am Reden haben sie Jesus nicht erkannt. Erst als er ihnen beim abendlichen Mahl das Brot bricht, erkennen sie ihn an seiner Handlung. Im selben Moment – so der Bericht der Bibel – entschwindet er vor ihren Augen.
Ein Haus in Züssow trägt seit mehr als 70 Jahren den Namen „Emmaus“. Als es Anfang der 1950er Jahre eingeweiht wurde, war es ein „Feierabendheim“ für ältere und pflegebedürftige Menschen. Die Bitte „Herr bleibe bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt“ wurde von der Tageszeit auf die Lebenszeit übertragen. Damit verband sich die Vorstellung, dass Jesus nicht nur punktuell, sondern ein Leben lang mit den Menschen auf einem Weg unterwegs ist. Und die Hoffnung, ihn beim Einkehren am Ende der Lebensstrecke als den zu erkennen, der diesem Gang durch das Leben seinen Sinn gab.
Der italienische Maler Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571-1610) hat auf seinem Bild, das um 1600 entstanden ist, die entscheidende Szene der biblischen Geschichte wie einen „Schnappschuss“ dargestellt. Die beiden etwas älteren Jünger sitzen mit einem jugendlich aussehenden Jesus an einem Tisch, der reich gedeckt ist. Das Brot ist bereits geteilt. Eine Schale voll von Früchten steht an der äußersten Kante des Tisches. Sie könnte im nächsten Augenblick herabfallen. Die beiden Jüngern bemerken ganz genau in diesem Moment, mit wem sie es zu tun haben. Wie konnte es überhaupt geschehen, dass ihnen das vorher noch nicht klargeworden war? Caravaggio wendet einen „Kunstgriff“ an, um nachvollziehbar zu machen, warum den Jünger „die Augen gehalten wurden, so dass sie ihn nicht erkannten“ (V. 16): Jesus trägt keinen Bart. Er ist äußerlich verändert.
Das Wesentliche in der Darstellung Caravaggios geschieht aber mit den Händen und mit den Augen. Der rechte der Jünger (es soll Jakobus sein, wie an der angehefteten Jakobsmuschel zu erkennen ist) breitet seine Arme so weit aus, wie es nur geht. Seine rechte Hand, die überproportional groß gestaltet ist, ist auf die Person Jesu gerichtet. Seine linke Hand greift quasi in den Raum uns entgegen und will uns mit einbeziehen. Der linke Jünger, Kleopas nach dem biblischen Bericht, hat beide Hände auf die Stuhllehnen gestützt. Er braucht Halt in dieser Situation der vollständigen Überraschung. Er ist – nach dem Vorbild der Menschen aus Caravaggios Zeit – ärmlich gekleidet. Seine Jacke ist am Ellenbogen aufgerissen, vielleicht gerade durch die Dramatik dieses Moments.
Die Blickrichtung der Augen der Jünger ist ganz auf die Hand Jesu gerichtet. Diese Hand symbolisiert das entscheidende Geschehen, das Umschlagen aus der Blindheit des Nichterkennens in das sichtbare Verstehen. Die drei ausgestreckten Finger der Hand Jesu deuten die entscheidende Segenswende an. Es ist ein Moment des Erschreckens, des Gebanntseins und zugleich der Faszination und höchsten Erkenntnis. In dieser Szene vollzieht sich auf engstem Raum das Geheimnis des Glaubens: die Gewissheit, dass Jesus auferstanden ist, mit den Jüngern auf dem Weg des Lebens unterwegs ist und sie segnet.
Und dann ist da noch eine weitere Gestalt, die Caravaggio zusätzlich erfunden hat. Der Wirt des Hauses steht neben der Szene. Er blickt nicht auf die segnende Hand Jesu, sondern sieht skeptisch, vielleicht sogar misstrauisch auf die Gestalt, die einen derartigen Bann auf die beiden Gefährten ausübt. Mit dieser personellen Ergänzung ist Caravaggio ein erstaunlicher Effekt gelungen. Die schlagartige Wahrnehmung der Jünger ist nicht übertragbar. Unterschiedliche Menschen haben eine unterschiedliche Sicht auf die Welt und auf das, was sich vor ihren Augen ereignet. Die beiden Jünger haben ihre ganz eigene Erfahrung in diesem Moment gemacht. Aber sie sind deshalb nicht erwählter als andere Menschen, die ihre Sichtweise (noch) nicht nachvollziehen können. Jesus hat sich in einer bestimmten Situation offenbart, und zwei ihm vertraute Menschen haben diese Offenbarung erkannt. Aber es bleiben die Hoffnung und die Einladung bestehen, dass es auch vielen anderen Menschen ähnlich ergehen kann; dass von einem Moment auf den anderen klar wird: Es war nicht irgendjemand, der mit uns auf dem Weg war und ist. Es ist Jesus Christus, der unserem eigenen Leben Orientierung verschafft und uns auf unserem Weg segnet.
Ich wünsche Ihnen weiterhin eine gute Osterzeit.
Dr. Michael Bartels
Vorsteher
Greifswald, 04.05.2025

Das Osterfest ist für die Christen in aller Welt mit der Überlieferung von der Auferstehung Jesu Christi verbunden. Die Evangelien des Neuen Testaments berichten in jeweils eigener Sichtweise, wie Jesus Christus nach seiner Verurteilung, der Hinrichtung am Kreuz und der anschließenden Grablegung den Menschen als Auferstandener wiederbegegnet ist. Diese Menschen waren erschrocken und erfreut. Sie konnten es nicht fassen, dass der irdische Jesus den Tod überwunden hat. Die Kreuzigung und die anschließende Auferstehung Jesu Christi wurden zur zentralen Botschaft des Christentums.
Nicht erst in der Gegenwart, in der die Existenz Gottes für viele Menschen zweifelhaft oder gar unwichtig geworden ist, stellen Menschen sich die Frage, wie eine Auferstehung überhaupt vorstellbar ist. Selbst viele, die im christlichen Glauben stehen, werden unsicher, wenn es darum geht, ob es sich wirklich so zugetragen haben kann mit der Auferstehung: mit der Rückkehr eines Menschen vom physischen Tod in das Leben. Diese Unsicherheit ist jedoch keine Erscheinung in unserer „modernen“ Welt. Sie ist bereits in der biblischen Überlieferung angelegt. Denn in der Bibel wird zwar über die Auferstehung und den Auferstandenen berichtet, aber nicht darüber, wie genau die Auferstehung sich vollzogen haben soll.
Es wird davon berichtet, dass Menschen, die Jesu Grab aufsuchen wollten, ein leeres Grab vorgefunden haben und von anderen Menschen, die ihn später gesichtet haben oder begegnet sind. Der genaue Verlauf aber, der uns heute vielleicht aus naturwissenschaftlicher Sicht oder im Sinne einer faktenbasierten Überlieferung besonders interessieren würde, wird nirgends beschrieben. Er ist ein Mysterium, d. h. ein Geheimnis, ein Glaubensinhalt; einerseits unbelegt, unbeweisbar und andererseits zugleich unverzichtbar und unersetzlich für den Kern der christlichen Religion.
Die fehlenden Beschreibungen dafür, wie die Auferstehung sich konkret vollzogen habe, sind ein Grund dafür, dass sie in künstlerischen Darstellungen über die Jahrhunderte weniger bildlich aufgenommen wurde als die Kreuzigungsszene, deren Ablauf in der Bibel mit vielen Details geschildert wird. Einer der ersten Künstler, der ein Bild der Auferstehung nach seiner Vorstellung malte, war Matthias Grünewald. Seine Auferstehungsdarstellung entstand für den weltberühmten Isenheimer Altar (um 1512-1516), der heute in Colmar (Frankreich) zu besichtigen ist. Der Isenheimer Altar ist ein Gesamtkunstwerk, das aus mehreren Schauebenen und Klapptafeln besteht, die entsprechend der Kirchenjahreszeit aufgeschlagen werden konnten. Das berühmteste Schaubild des Isenheimer Altars ist zweifellos die Darstellung der Kreuzigungsszene. Auf einer Ebene hinter der Darstellung Jesu am Kreuz hat Grünewald die Auferstehung Christi gemalt.
Grünewalds Bild der Auferstehung enthält Elemente, die in den biblischen Geschichten zu finden sind: Ein Grab ist zu sehen, dessen Grabplatte geöffnet ist. Mehrere Personen sind dargestellt, offensichtlich Wachen, die von dem Geschehen überwältigt sind, zu Boden fallen und damit letztlich kaum noch Augenzeugen des Geschehens sind. Aber es bleibt in Grünewalds Bild nicht bei dieser gegenständlichen Übernahme von Details der biblischen Überlieferung. Er verbindet die Tradition der Überlieferung mit seiner eigenen künstlerischen Sichtweise. Jesus entschwebt dem geöffneten Grab. Das Grabtuch, mit dem er umwickelt war, hängt noch rot angestrahlt über seinen Schultern, sinkt aber im Moment der Auferstehung mehr und mehr grau-blau gefärbt auf den Boden zurück. Es ist eigentlich keine Auferstehung, die Grünewald malt, es ist schon mehr der Beginn einer Himmelfahrt, die den zum Leben erwachten Christus von der Erde in den Himmel führt. Mühelos und ohne Leiden zeigt der Gekreuzigte seine Hände, in denen die Male der Kreuznägel als Wunden deutlich zu sehen sind. Auf genau derselben Höhe dieser Wundmale befinden sich die leuchtenden Augen des Auferstandenen. Noch sind an seinem Leib die Kennzeichen der Folter und des Todes erkennbar, aber sie werden bereits durch den freundlichen Blick des Auferstandenen aufgehoben.
Die stärkste Symbolik Grünewalds liegt in der bildlichen Überlagerung von Christus und der hell und warm strahlenden Sonne. Christus ist nicht nur zugleich im Zentrum der Sonne, er selbst ist die Sonne, die über der Dunkelheit der irdischen Welt aufgeht. Die Bedeutung für uns Menschen liegt nicht allein in einer momentanen Begebenheit, von der die biblische Botschaft bis zum heutigen Tag kündet. Die Bedeutung für uns Menschen liegt darin, dass sich das „Kraftzentrum“ der Welt verschoben hat. Der auferstandene Jesus Christus ist wie eine neue Energie, die auf uns strahlt. Er hat nicht nur den Tod, sondern die bisher vorherrschenden Mächte überwunden. Dafür sind die zu Boden geworfenen Wachen das Sinnbild. Die von Grünewald dargestellten vier Personen tragen vier unterschiedliche Uniformen aus der Zeit des Malers. Sie symbolisieren die aktuellen weltlichen Mächte in Nord, Süd, Ost und West. Diese Mächte sind gebeugt unter dem Auferstandenen, dessen Füße genau auf sie gerichtet sind. Um die leuchtende Lichtquelle herum sind die Gestirne angeordnet, die den universalen Anspruch der Auferstehung als einem Heilsgeschehen für die ganze Welt verdeutlichen.
Grünewald gelingt es, eine „Glaubenswahrheit“ mit künstlerischen Mitteln darzustellen, die von den Menschen seiner Zeit verstanden werden konnte und die bis in unsere Gegenwart hinein Wirkung entfalten kann: Die Geschichte der Auferstehung wird nicht mehr in der (falschen) Alternative zwischen wahrer Begebenheit und märchenhafter Überlieferung dargestellt. Sie ist spätestens seit Grünewald eine emotionale Hoffnungsgeschichte, deren Horizont unglaublich weit ist und die das Potenzial in sich trägt, auch uns Menschen im Jahr 2025 trotz zahlreicher Bedrängnisse hoffnungsvolle Perspektiven zu eröffnen.